Als großer Fan Andrew Lloyd Webbers Musicals „Phantom of the Opera“ habe ich das Stück mit den unterschiedlichsten Besetzungen auf der Bühne gesehen und unzählige weitere Aufnahmen gehört. Deshalb ist meine Rezension der Leinwandfassung des Musicals von Joel Schumacher längst überfällig.
1986 feierte die Vertonung der Geschichte um das entstellte Phantom und das Chormädchen Christine Premiere im West End und wird seit dem mit ungebrochenem Erfolg fast überall auf der Welt gespielt. „Phantom of the Opera“ ist mit seinen bezaubernden Ariel, großen Chören und sehr klassischer Orchestrierung kein typisches Webber-Musical, ja nicht einmal ein typisches Musical generell, aber meiner Meinung nach das Beste, was der „Gott des modernen Musicals“ je auf die Bühne brachte, vielleicht das beste Musical schlechthin. Das Ergebnis dieser Komposition ist auch Webbers damaliger Ehefrau Sarah Brightman zu verdanken, für die er – angeblich – damals die Rolle der Christine maßschneiderte.
Sieben Monate vor Drehbeginn, im Februar 2003 begann die Suche nach geeigneten Schauspielern, die die schwierige Partitur auch gesanglich meistern konnten. Lange spukte das Gerücht über Antonio Banderas für die Titelrolle durch die deutsche Presse, was sich zum Glück als nicht mehr als eben das herausstellte: ein Gerücht. Dann schließlich der Schreck über die deutschen Synchronstimmen: Uwe Kröger in der Titelrolle! Wie gut, dass es DVDs mit Sprachwahl gibt. Mein persönlicher Tipp an alle: Finger und Ohren weg von der deutschen Synchronisierung!
Das Endergebnis des Castings kann sich blicken und hören lassen:
Die damals gerade erst 17-jährige (!) Emmy Rossum (Day after tomorrow) ist eine bezaubernde Christine mit einem klaren und weichen Sopran; sie singt diese schwierige Rolle mit unglaublicher Leichtigkeit und viel Gefühl, so dass ich nicht müde werde, diese Stimme zu hören. Gesanglich kann man allenfalls kritisieren, dass sie die Töne des Öfteren recht deutlich von oben oder unten ansingt und dann in die richtige Lage „zieht“. Sie ist ausgesprochen hübsch anzusehen, vielleicht ein wenig zu sexy, um das naive und unschuldige Chormädchen glaubhaft darzustellen, was aber mitunter auch an den Kostümen liegen kann. Leider kann es ihre schauspielerische Leistung nicht ganz mit ihrem Gesang aufnehmen. Von wenigen Szenen wie zum Beispiel „Point of no return“ abgesehen, ist ihr Gesichtsausdruck entweder eher weinerlich-verzweifelt oder sie sieht wie ein hypnotisiertes Kaninchen aus (was in einigen wenigen Szenen durchaus angebracht ist). Dem Ausdruck ihres Gesangs tut dies jedoch keinen Abbruch, stimmlich glaubt man ihr jedes Wort, das sie singt.
Patrik Wilson singt Christines Liebhaber Raoul mit netter, klarer – und kurzweiliger Stimme, hat aber nicht den warmen und klassischen Bariton, den ich für diese Rolle gewohnt bin. Schauspielerisch bleibt seine Darstellung bis kurz vor Schluss ein wenig blass, sein Gesichtsausdruck größtenteils recht eingefroren. Andererseits spielt er nicht die dankbarste Rolle, die er aber trotz leichter Schwächen ordentlich ausfüllt. Er bleibt nicht unbedingt lange im Gedächtnis, aber das soll Raoul vielleicht auch gar nicht.
Als spanische Operndiva Charlotta singt Minni Driver (Circle of friends) zwar nicht selbst, ist aber wunderbar, komisch und ekelhaft, ohne dabei zu sehr zu übertreiben. Sie ist einfach perfekt für diese Rolle. Ihr Gesangsdoubel Margaret Preece hat eine großartige klassische Stimme, die die schwierige Rolle grandios meistert, dabei immer das divenhafte und den Kontrast zu Christines weichem Sopran beibehält. Im Abspann des Films geht ihr Name leider fast unter.
Herauszuheben ist sonst vor allem die tolle schauspielerische Leistung Miranda Richarssons (Harry Potter) als strenge Ballettlehrerin Madame Giry. Leider sind einige ihrer bekannten Gesangsszenen herausgeschnitten worden, ansonsten ist die Bedeutung ihrer Rolle erweitert worden. Im Film wird viel mehr als auf der Bühne deutlich, wie viel Madame Giry tatsächlich über die Vorgänge in der Oper und über das Phantom und dessen Handeln und Fühlen weiß. Sie erkennt genau, wo alles hinführen wird, greift dennoch bis zum Schluss nicht ein. Miranda braucht nicht viele Worte – oder Töne, ihre Blicke und ihre Körperhaltung sprechen für sich.
Der Höhepunkt des ganzen Films jedoch ist meiner Meinung nach Gerard Butler (PS I love you) in der Titelrolle. Viele Kritiker bemängelten vor allem seine gesangliche Leistung, denn seine Stimme mag vielleicht technisch nicht 100 Prozent perfekt und weniger klassisch ausgebildet sein, und in den tieferen Lagen an ihre Grenzen stoßen. Soviel zu den Fakten… Aber von keinem anderen Sänger/ Musicaldarsteller habe ich eine solch gefühlvolle und leidenschaftliche Interpretation des Phantoms gehört und gesehen. Gerry stürzt sich mit einer unglaublichen Intensität in die Rolle, zeigt die volle Palette der Emotionen; ist verführerisch, sanft, einsam und todunglücklich, aber auch verzweifelt, bedrohlich, kaltblütig und rachsüchtig. Sein „All I ask of you“ und „Masquerade (reprise)“ sind herzzerreißend gesungen und gespielt, im „Down once more“ zeigt er absolut keine Gnade – weder mit seinen Stimmbändern noch mit Raoul oder Christine – und man nimmt ihm den Hass, die Verzweiflung und den Wahnsinn sofort ab. „Music of the night“ wird durch seine warme Stimme zu einem musikalischen Highlight, bei dem man schwer glauben kann, dass der Schotte zuvor kaum Gesangserfahrung hatte. Obwohl ich schon tolle Sänger in der Rolle gesehen und gehört habe, haute Gerry mich als Phantom völlig um, liebend gerne würde ich ihn einmal auf der Bühne sehen können.
Während die Regie ohnehin unabhängig von der Bühnenfassung war, hat Webber extra für den Film vor allem im zweiten Akt einige kompositorische Veränderungen und Kürzungen vorgenommen: Da „Notes II“ gestrichen wurde, bringt das Phantom seine Operninstruktionen in einer sehr schönen Szene direkt im „Why so silent“ persönlich vor, die Empörung seitens der Künstler und Direktion über seine Partitur und seine Anweisungen geht jedoch unter. Madame Girys Erzählungen über die Vergangenheit des Phantoms wurde dagegen erweitert. Christines Fahrt zum Friedhof ihres Vaters bekam eine wunderschöne neue Melodie, die Begegnung zwischen Raoul und dem Phantom auf dem Friedhof resultiert in einem spektakulären Schwertkampf. Doch wie kann man Raoul über das Phantom gewinnen lassen?! Ausgerechnet Raoul, der zuverlässig in jede Falle des Phantoms tappt. Realistischer und intensiver wäre die umgekehrte Variante. Eine sehr gelungene Veränderung ist in der Regie des „Point of no return“ vorgenommen worden. Hier ist sich Christine von Anfang an darüber bewusst, dass sie das Phantom selbst vor sich hat, verfällt ihm aber dennoch erneut. Auch das Phantom durchschaut die Falle von Anfang an, erkennt aber, dass es tatsächlich kein Zurück mehr gibt. Das macht die ganze Szene glaubwürdige und spannungsgeladener. Eine kleine, aber sehr rührende Szene wurde ganz zum Schluss hinzugefügt, in der man den alten Raoul ans Grab seiner Christine begleitet, der ihr die im Prolog erstandene Spieluhr bringt. Dort findet er neben dem Grabstein eine frische rote Rose mit einer schwarzen Schleife – ein Geschenk des ihr noch immer treuen Phantoms!
Im Abspann singt Minnie Driver das neukomponierte „Learn to be lonely“, ein nettes Liedchen, dass zwar nur bedingt zu der restlichen Partitur passt, aber doch einen schönen Text hat. Leider nur auf der Blue Ray Special Edition – und auf youtube – lässt sich noch ein besonderes Highlight finden: das komplett mit Kostüm und Bühnenbild gedrehte „No one would listen“ gesungen von Gerry Butler. Schade, dass dieses wundervolle Lied mit der gleichen Melodie des bereits erwähnten „Learn to be lonely“ anderen Zuschauern vorenthalten bleibt.
Die Sets und Kostüme sind pompös und viel gelobt, die großen Ensembleszenen wie „Masquerade“ und „Primadonna“ werden so zu einem optischen Feuerwerk. In vielen anderen Szenen wäre weniger jedoch manchmal mehr gewesen. In Anlehnung an die Bühnenfassung hätte ich mir eine stärkere Konzentration auf die Hauptcharaktere, auf die Beziehung zwischen Christine und dem Phantom gewünscht. Vor allem in dem sehr intensiven „Point of no return“ wird sie Kamera viel zu oft auf die Nebencharaktere bis hin zu dem hier eher störenden Flamenco-Ballett gerichtet. Dadurch wird der Bann der Szene leider immer wieder gebrochen. Zudem wirken manche Szenen ausgesprochen unruhig im Vergleich zur Bühnenfassung, das die Schauspieler fast immer in Bewegungen sind und sich teils recht unmotiviert durch das Opernhaus bewegen.
Zwei Mängel hat die CD zum Film. Zumindest auf der Gesamtaufnahme sind fast alle – als CD störende – Nebengeräusche des Films zu hören, als würde die DVD im CD-Spieler abgespielt werden. Ich hatte auf eine reine Musikaufnahme gehofft. Zudem lässt die Titelaufteilung arg zu wünschen übrig. Viele Lieder sind unter einem Track zusammengefasst oder sehr unpassend geteilt.
Trotz der genannten Kritikpunkte kann ich sowohl die DVD als auch die CD wärmstens empfehlen – nicht nur für eingefleischte Musicalfans!


